Logo

Nougat und Salzheringe

Bericht im "Trommelstock" Laubach vom 20.12.2003

Zwei Engel für Dora (II)
"Nougat und Salzheringe" als Theater und Menü

Selbst Leuten, die "Nougat und Salzheringe" im Frühjahr 2002 in unserem DGH
miterlebt haben, können wir die nun dargebotene Neufassung des in Laubach
entstandenen Theaterstücks durchaus empfehlen.
Das Stück und seine Darsteller haben sich in den 1 ½ Jahren seit seiner
Uraufführung unter der Leitung von Sylvia Hathazy sehr positiv entwickelt.
Einen Großteil der 14 Darsteller/innen konnte man als zum harten Kern der
Uraufführung gehörig identifizieren. Alle brillierten in mehreren Rollen.
Allen war die Begeisterung für das gemeinsame Spiel ins Gesicht
geschrieben, die sich schnell aufs Publikum übertrug.
Für die Aufführung im Werratal-Hotel am Wochenende des 2. Advent hatte
Küchenchef Jörg Treichel ein zum Stück passendes 4-Gänge-Menü kreiert.
Skepsis schien angebracht, denn Nougat mit Salzheringen konnte man sich
allenfalls als Kombination für Schwangere vorstellen. Aber das Menü hätte
selbst dem kritischen Gaumen Wolfram Siebecks standgehalten: Auf ein
"Tartar von Salzheringe und Lachs" folgte "Wildconsommée". Hauptgang war:
"zartes Schweinefilet mit körniger Senf-Estragon-Sauce, gefüllte Zucchini
und Herzogin-Kartoffeln". Als Dessert und zum Abschluss wurde
"Nougathalbgefrorenes mit Orangencreme und Zimthippen" gereicht. Auf den
Tischen standen "Salzheringe" (Lakritz) für den "kleinen Hunger zwischendurch".

Dass nur in den Pausen serviert wurde, erwies sich als hilfreich, denn
sonst wäre man vor lauter Lachen nicht zum Essen gekommen!
Für Stimmung im vorweihnachtlich geschmückten Saal sorgten Kerzenlicht und
ein liebevoll gestaltetes Bühnenbild, für das, wie auch für die
ansprechenden Kostüme, wieder Susanne Kloiber verantwortlich zeichnete:
Regale mit Lebensmitteln von früher; Spitztüten für lose Waren; ein
Heringsfass und zahllose Sherryflaschen unter dem Tresen. Die allzeit
parate Sherryflasche erwies sich bald als wichtigstes Requisit des Stücks,
denn mit diesem Allheilmittel bewältigt Dora Mohrmann, deren Traum der
eigene Laden ist, alle Höhen und Tiefen des Dorflebens. Selbst das Kätzchen
Mausi, reizend von Charis Wiesbaum verkörpert, darf hin und wieder ein
Tröpfchen naschen.
Der zum 2. Gang gereichte Sherry erwies sich bei den Zuschauern als sehr
willkommen.
An die 100 Jahre Zeitgeschichte rollen vorbei, von den witzigen Kommentaren
des hergelaufenen Kätzchens begleitet. Der Ladentiger, Fixpunkt und
Leitmotiv des Stücks, ist für Dora bald wichtigste Bezugsperson und oft
besser als die Menschen, die ihren Laden aufsuchen.
Zunächst aber muss sie die Zeugnishürde der 8. Klasse bewältigen, früher
für viele Dorfbewohner das Ende der Schulzeit. Ein "sehr gut" in Fleiß und
Ordnung sind beste Voraussetzungen für eine Existenzgründung, so der
Beitrag zur Pisa-Debatte. Obwohl die Omas Anna und Auguste hinter Doras 4
in Mathematik schon den Pleitegeier winken sehen, stehen sie ihr mit
"doppelter Erfahrung und doppelter Rente" zur Seite. Sogar vom Himmel aus,
zu Schutzengeln befördert, begleiten sie ihren Schützling mit Anteilnahme
und Witz. Jegliche Zweifel, ob sich nach Gerda Mühlhausen und Otti Sauer,
je wieder eine passende Besetzung für die strickenden Omis Anna und Auguste
finden würde, wurden von Hella Germelmann-Petersen und Verena Hester-Zarnack
restlos ausgeräumt. Während sie schon im Anzeigenteil des "Göttlichen Tageblatts"
nach möglichen Heiratskandidaten suchen, erscheint der Versicherungsvertreter
Herbert Platz (herrlich gespielt von Angelika Weidemann) mit seinem
"Rundum-sorglos-Paket" (alles bis auf Fußpilz und Schwangerschaft).
Als er sich nach einem Wasserschaden als Trickbetrüger erweist, liefern die Omis
Lebensweisheit pur:
"Gerechtigkeit findest du im Wörterbuch zwischen Gerangel und Gesülze".
Doras Laden bleibt über Generationen Kommunikationszentrum und
Dorfmittelpunkt. Aber die Sorgen werden größer. Neben der zunehmenden
Supermarkt-Konkurrenz macht ein Vertreter des Gesundheitsamts Dora zu
schaffen, der das Fehlen einer Kühltruhe bemängelt und am Mäusekot Anstoß
nimmt. Nachdem Kätzchen Mausi, oje, nach Rattengiftverzehr auch zum
Schutzengel befördert worden ist, gibt Dora auf. Doch die Zeit rollt
weiter. Zwei zugereiste Existenzgründerinnen (treffend gespielt von Anke
Wiesbaum und Regula Werner) versuchen im neu gegründeten rosarot
dekorierten Nagelstudio mit roten Rosen Kunden anzulocken. Aber das
dorfuntypische Etablissement weckt unerwartete männliche Erwartungen. Auch
an Hautverschönerungen besteht im Dorf weniger Interesse als an Linderung
für die 3 großen H (Hornhaut, Hühnerauge und Hammerzeh). Daher "hapert's
mit der Kundschaft e bissle".
Alle Lacher auf ihrer Seite haben dann die beiden Studentinnen (Tasja und
Daria Wiesbaum) mit ihrer Umfrage zur Marktforschung, zumal sie dabei mit
dem passenden Soziologenjargon aufwarten. Als Latzhosenromantiker
begeistern Birte Budweg und Christian Stefan, die den alten Laden "mit
Ehrfurcht und Demut" renovieren und den "Ökoshop Grüne Wolke" eröffnen
wollen. Aber aus Sicht zweier Banker (sehr schön, Dagmar Horst und ihr
Assistent Niklas Busch) ist ein Geschäft ohne "sauberes Büro mit drei Fici
Benjamini neben dem Computer" nicht förderungswürdig.
Vorerst letzte Nutzung von Doras Laden: Ein Internet-Shop
(http./www.Stoffelmeyers-Schnapsraritäten.com). Passend dazu produzieren
die beiden treuen Omis im Himmel ihren Sherry- ähnlichen "Stoff", einen
Stoff so fein, "als würde dir ein Englein auf die Zunge pinkeln".
Wohlverdienter Applaus für einen gelungenen Beitrag zum vorweihnachtlichen
Entspannungs- Programm!
Wer sich diesen Spaß noch gönnen möchte, dann allerdings ohne Menü, hat am
5./6.03.2004 um 19.30 und am 7.3.2004 um 17.00 Uhr im Rittersaal in Münden
dazu noch Gelegenheit.

Isolde Salisbury